Souveräne Kita-Leitung in der Corona-Zeit: „Teamgeist, Vertrauen und etwas Mut.“

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Die Pandemie hat den Alltag in Kitas ganz schön durcheinandergebracht. Im Interview berichtet die Leiterin einer fit4future-Kita, wie sie und ihr Team sich gemeinsam möglichst stressfrei durch diese Zeit bewegen.

Frau Junker (nicht auf dem Foto oben abgebildet) leitet eine Kita, in der 24 Fachkräfte sieben Gruppen mit insgesamt 114 Kindern betreuen. Die Corona-Pandemie brachte auch für sie und ihre Kolleg*innen völlig neue Herausforderungen in den Kita-Alltag. Im Interview berichtet Frau Junker, wie sie und ihr Team in dieser Zeit für Zusammenhalt und gegenseitige Entlastung sorgen, was ihr dabei in ihrer Funktion als Kita-Leitung besonders hilft und warum eine transparente Kommunikation mit den Eltern so wichtig ist.

Auf Ihnen und Ihrem Team lastet in Folge der Hygienebestimmungen und dem Wechsel zwischen Normalbetrieb und Notfallbetreuung viel zusätzliche Arbeit. Haben Sie bestimmte Rituale oder Tagesordnungspunkte in den Kita-Alltag eingebaut, um etwas Druck aus dieser ohnehin angespannten Situation rauszunehmen?

Ja, dadurch dass wir ein großes Haus sind, laufen wir uns natürlich zwangsläufig über den Weg. Eine strikte Trennung ist da gar nicht möglich. Doch genau dieser Kontakt tut schon gut.

 

Ich gehe jeden Morgen durchs Haus, weil ich ohnehin in jeder Gruppe vertrete zurzeit. Dabei mache ich – natürlich mit ausreichend Abstand – eine sogenannte Befindlichkeitsrunde. Da hat man schonmal ein Gespür, wie das Team drauf ist, wie es der einzelnen Fachkraft geht. Das find ich ganz wichtig an der Stelle, um auch zu wissen: Was kann man die Woche noch großartig fordern oder wo sollte man einfach mal Fünfe gerade sein lassen. 

 

Das andere ist, dass wir uns einmal die Woche zum digitalen Meeting treffen. Da werden dann Besonderheiten besprochen oder gefragt „Was hat Euch in der Woche getriggert?“, „Was können wir verändern, um uns zu entlasten?“. Wir haben da ein sehr offenes Verhältnis.

 

Ich muss aber auch sagen, dass wir in einem sehr engen Austausch mit unserem Träger sind und dass wir auch von dort Entlastung erfahren.

 

Das Nächste, was uns wichtig ist: Wir führen trotzdem noch unsere digitalen Elternbeiratssitzungen. Wir sind in einem sehr engen Austausch und versuchen, so transparent wie möglich zu arbeiten. Sodass wir auch ganz offen sagen können: „Leute wir gehen auf dem Zahnfleisch.“ Einfach, wenn wir personalbedingt nicht so gut aufgestellt sind, zum Beispiel aus Krankheitsgründen. Und dann arbeiten die Eltern auch wunderbar mit und zeigen Verständnis. Die Sitzungen machen wir einmal im Quartal. Aber wenn etwas Wichtiges oder eine Veränderung ansteht, treffen wir uns durchaus auch öfter. Und auch ansonsten kommuniziere ich telefonisch oder per Mail alle wichtigen Informationen mit dem Elternbeiratsvorsitzenden. 

 

Das sind alles Punkte, die bei uns zur Entlastung führen. 

 

Ich habe auch zusätzlich einen Kartenständer mit schönen Sprüchen für jeden Tag gekauft, für 2,99 Euro. Das ist jetzt nicht die Welt. Der steht in der Küche. Das sind Kleinigkeiten, die zur guten Laune beitragen. 

Wie schaffen Sie es als Kita-Leitung, trotz zusätzlicher Aufgaben genug Ruhephasen zu finden? 

Ich habe das riesengroße Glück, eine wunderbare stellvertretende Leitung zu haben. Wir teilen uns die Bereiche zwar auf, sind jedoch in alle Bereiche gleichermaßen involviert. Falls ich also mal ausfallen sollte, können wir uns gegenseitig ohne Probleme vertreten. Das ist eine riesengroße Entlastung. Damit klappt die Work-Life-Balance ziemlich gut bei mir. 

 

Klar, die Leitungsebene baut aktuell Überstunden auf – noch und nöcher. Aber es ist eine produktive Arbeit. Und wir wissen, wofür wir die machen. Und dadurch, dass wir mittlerweile vorzeitig in Planung gehen, überrollt uns nichts mehr. In der ersten Welle überrollte uns alles wie eine Lawine. Da haben wir uns sofort zusammengesetzt und uns überlegt, wie wir das beim nächsten Mal vermeiden können. Um dem Team Sicherheit und verlässliche Strukturen zu bieten. Um nicht mehr zu rotieren und in Stress zu geraten. Jetzt kennt man ja mehr oder weniger die Strukturen oder kann durch die Medien schon ein bisschen vorausschauend überlegen, wie es weitergehen könnte. Und dafür arbeiten wir immer schon rechtzeitig einen groben Plan aus. Und wenn die Verordnung oder das Ministerium dann ein offizielles Schreiben verschickt, steht unser Plan bereits und es müssen nur noch kleine Rädchen verändert werden. Das entlastet auch extrem viel!

 

Aber genauso wichtig ist das Team! Wenn das Team funktioniert, haben meine stellvertretende Leitung und ich weniger Stress. Unsere digitalen Sitzungen und die „Befindlichkeitsrunde“ fangen bereits enorm viel auf. Ja, man hat immer Eltern vor dem Büro stehen. Man muss sich die neuen Hygienemaßnahmen durchlesen und natürlich gebe ich den groben Rahmen vor, in dem dann gearbeitet wird. Aber am Ende müssen wir eine Entscheidung finden, die das Team mittragen muss. Deshalb erarbeiten wir solche Themen immer zusammen.

 

Mir hilft auch unser Jahresplaner mit dem Urlaub und den Fortbildungen der Mitarbeiter*innen – eine Komplettübersicht an der Wand. Den besprechen wir immer am Anfang eines Monats. Und wenn wir wissen, ab wann es wieder eine Veränderung geben könnte, reicht ein Blick auf den Kalender: Wer ist im Haus? Geht das alles so, wie wir es im letzten Jahr geplant haben? Womit müssen wir rechnen und womit können wir rechnen? Ich glaube, mit diesem System arbeitet man gut.

 

Ohne den Support von unserem Träger, der uns viel Vertrauen schenkt, würden wir auch gar nicht so sicher und schnell agieren können. Hier nochmal ein Appell an alle Träger: Vertraut Euren Leitungen ;)! Wir haben eine super Kita-Koordinatorin, das muss ich wirklich an der Stelle sagen. Die ist immer für uns da und erreichbar. Sie hört sich alles an – sind unsere Pläne oder unsere Planung noch so verrückt (lacht). Wir gehen alles durch und wenn wir nicht wirklich daneben liegen, sagt sie auch: Ja, setzt das um, macht Eure Erfahrungen. Dadurch hat die Leitungsebene eine Planungssicherheit, Handlungssicherheit und man ist viel selbstbewusster im Bereich Leitung und Management.

 

Und abschließend: Ja, es ist stressiger. Aber ich mache privat auch Yoga und viel Sport (lacht). Vielleicht ist es das. Aber mein Geheimrezept ist einfach das Klima hier im Haus.

Haben sich die Kommunikation und Zusammenarbeit mit den Eltern seit Beginn der Corona-Pandemie in Ihrer Kita verändert? Haben Sie Tipps und Erfahrungswerte, die auch anderen Kitas helfen könnten? 

Wir hatten schon immer eine wirklich gute Erziehungspartnerschaft, obwohl wir keine Elterninitiative sind. Wir arbeiten Hand in Hand zusammen, vor und seit Corona. Doch durch Corona ist das Gemüt irgendwann sehr dünn und sehr gereizt. Es entsteht Frust bei den Eltern – und das ist absolut in Ordnung. Sie dürfen sauer sein, weil einfach so viel auf sie einprasselt! Das ist ein absolut normaler Verlauf. Dann aber spricht man es einfach offen an. Wir gucken, was können wir hier ändern, wie können wir uns in der Mitte treffen?

 
Das ist die Lösung: Transparenz.
 
Es hilft meiner Erfahrung nach immer, einen vorhandenen Konflikt anzugehen und herauszufinden: Welche Maßnahmen sind am sinnvollsten und stehen alle Eltern dahinter. Ehrlicherweise kann man natürlich nicht alle Eltern glücklich machen. Aber durch diese Transparenz und offen ausgesprochene Worte haben wir gemeinsam die schwierige Phase überwunden und sind noch tiefer in die Zusammenarbeit gegangen.

 

Können Sie das an einem Beispiel näher erläutern? 

Gern! Wir konnten uns während der Phase einer Notbetreuung beispielsweise „Betreuungszeiten“ aussuchen, die angelehnt sind an den Personalstunden, die wir zur Verfügung haben. Bei uns ging es einfach nicht anders, als von 8:30 Uhr bis 15:30 Uhr eine Betreuung anzubieten. Ein geringer Teil unserer Eltern, für die ein früher Dienst wichtig wäre, haben sich natürlich gewünscht, dass die Betreuung um 7:30 Uhr bzw. um 8:00 Uhr beginnt. Das konnten wir so nicht leisten, weil die Mehrheit der Eltern die Betreuung im Nachmittagsbereich benötigt. Deshalb wurde das in der Elternbeiratssitzung angesprochen und wir haben erneut überlegt und gemeinschaftlich eine mittelfristige Lösung gefunden. Haben wir damit alle Eltern glücklich gemacht? Nein, natürlich nicht. Das wäre unrealistisch. Aber wir haben bestmöglich gehandelt.

 

Man muss auch klar sagen: Man schafft es nicht immer! Davon kann ich mich nicht freisprechen. Aber die Eltern haben das Recht, frustriert zu sein. Und es gibt auch vereinzelt Eltern, die die Erzieher*innen bzw. die Leitung mal schärfer von der Seite ansprechen. Da finde ich, muss man als Leitung und auch als Erzieher*in, soweit es geht, eine deeskalierende Haltung einnehmen. Weil man nicht vergessen darf, was die Familien derzeit alles stemmen. Diese verständnisvolle Haltung und der Perspektivenwechsel bringen im Gegenzug auch wieder viel Verständnis ein. 

Was würden Sie abschließend als „positives Ergebnis“ der Pandemie in Punkto Elternarbeit sehen? 

Ich habe festgestellt, dass es im Großen und Ganzen mehr Verständnis von den Eltern für uns gibt. Viel, viel mehr Verständnis. Ganz oft wird gefragt: Wenn ich mein Kind zu Hause lasse, entlaste ich Euch dann? Das gab es vor Corona nicht. Und auch wenn es uns gar nicht um Entlastung, sondern um die Reduzierung der Infektionsketten geht – es tut dennoch gut zu sehen, wie unsere Arbeit neu wahrgenommen wird.  

   

Vielen Dank für das Interview, Frau Junker! 

 

Fotoquelle: iStock.com/AaronAmat

Wir freuen uns auch über eine ausführliche Rückmeldung per E-Mail an: kita@fit-4-future.de

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