Kindliche Bedürfnisse in Corona-Zeiten: bekannte Rituale, freies Spiel und mehr

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Die Pandemie ist eine Belastungsprobe für Eltern und Kita-Mitarbeiter*innen. Vor allem aber auch für die Kinder. Eine Kita-Leiterin erzählt im fit4future-Interview, welche Rituale und Aktivitäten den Kindern in der Kita aktuell besonders guttun und wie auch die Kinder davon profitieren können, die zu Hause betreut werden.

Frau Junker leitet eine Kita, in der 24 Fachkräfte sieben Gruppen mit insgesamt 114 Kindern betreuen – während der Notbetreuung ca. 70-80 Kinder. Im Interview gibt sie uns Einblicke in den Kita-Alltag während und nach der Notbetreuung.

Frau Junker, Struktur gibt in herausfordernden Zeiten Halt. Haben Sie im Kita-Alltag bestimmte Rituale etabliert, die dabei helfen, dass sich die Kinder entspannen und gelassener durch diese Monate kommen?

Wir haben gemerkt, dass die alten Strukturen – die bereits bekannten Strukturen – für die Kinder am meisten Sicherheit bieten. Also haben wir gar nicht großartig was verändert. Natürlich haben wir an die Hygienemaßnahmen erinnert: Hände waschen vor Betreten des Gruppenraums, kein Zutritt für Eltern in die Gruppen, und so weiter.

 

Wir haben auch im Team überlegt, ob wir das Tagesprogramm „abspecken“, weil wir die wöchentliche Betreuungszeit um 10 Stunden reduziert haben. Doch auch davon sind wir abgekommen und haben uns an unserem alten Tagesablauf festgehalten. Das verwirrt am wenigsten.

 

Ganz wichtig ist bei uns der Morgenkreis. Das ist die Zeit, in der die gesamte Gruppe zusammenkommt, und während der gemeinschaftlich Besonderheiten besprochen und der Tag geplant werden, sodass die Kinder eine Struktur haben. Da spinnen wir also einen roten Faden: Was erwartet mich heute? Das, so unsere Erfahrung, ist der sicherste Rahmen, den wir den Kindern hier bieten können.

Es kommt ja nur ein Teil der Kinder täglich in die Notbetreuung. Halten Sie auch zu den Kindern Kontakt, die zu Hause betreut werden?

Ja! Es war am Anfang sehr schwer für uns, da die Balance zu finden. Auf der einen Seite hatten wir natürlich von den Eltern das Feedback: „Sie machen da jetzt ‚normalen Kita-Alltag‘ und ich betreue mein Kind zu Hause und es kriegt von all dem gar nichts mit. Irgendwo ist das nicht fair – gerade zur Karnevalszeit.“ Wir sind dann aber relativ schnell in die Reflexion gegangen mit dem gesamten Team, weil uns das auch so sehr beschäftigt hat und wir uns ganz klar positioniert haben: Wir machen schon sehr viel. Dennoch wollen und müssen wir die Kinder, die zu Hause sind, einfach mehr in den Blick nehmen.

 

Also sind wir zum Beispiel aktiver auf Instagram geworden – dort haben wir ein Kita-Profil. Wir haben auf diesem Kanal jeden Montag Impulse angeboten, was die Kinder daheim machen können, passend zu dem, was aktuell in der Kita geschieht.

 

Dann haben wir sogar Hausbesuche gemacht. Nicht nur, weil die Kinder uns vermissen, sondern auch, weil sich die Kinder vermissen und weil wir wissen wollten: Wie geht es den Kindern? Das war wunderschön und hat mich so berührt! Also abgesehen vom organisatorischen Aufwand … Wir mussten natürlich früher schließen, Hygienemaßnahmen mussten ganz klar gesteckt werden: Wir halten Abstand, wir tragen FFP-2-Masken, wir gehen nicht in die Wohnung hinein, treffen uns vor dem Haus. Wir mussten uns darauf vorbereiten, dass es superschwer für die Kinder wird, weil die natürlich ihr Kinderzimmer zeigen wollen. Man kennt das ja. Aber da waren wir wirklich absolut konsequent im Sinne der Prävention und der Vorschriften. Dann ist die Gruppe dort hingegangen, unter allen Hygienemaßnahmen, und wir haben uns mit den Kindern und Eltern getroffen. Es war so schön! Wir haben so viele gebastelte Sachen bekommen! Und wir hatten damit gar nicht gerechnet, aber die Kinder waren so aufgeregt! Aber da merkt man mal, was selbst zwei Monate bewirken können, die Zeit, in der diese Kinder nicht in der Kita waren.

 

Dazu haben wir einmal die Woche Video-Telefonate angeboten, die auch immer recht gut in Anspruch genommen wurden. Da konnte sich jeder zuschalten, der Lust dazu hatte. Allerdings ist bei diesem Medium die persönliche Bindung nicht so gegeben. Es ist schön, wenn man ein Lied singt oder einen Morgenkreis macht, aber es ersetzt nicht das Live-Gefühl, man kann einfach nicht jedem Kind gerecht werden.

 

Wir haben auch Päckchen geschnürt für die Kinder, mit verschiedenen Ideen und Material für Aktivitäten.

 

In Punkto Elternarbeit haben wir den fit4future-Wochenplan genutzt und diesen regelmäßig an die Eltern versendet mit dem Hinweis, dass es auch auf der Website eine Menge zusätzlicher, toller Informationen gibt, was man im Alltag machen kann.

 

Wir haben für die Eltern auch einmal die Woche eine Telefonstunde angeboten. Denn auch die Eltern haben Redebedarf. Ganz viele Eltern waren in großer Sorge, haben ihr Kind nicht wiedererkannt, das zum Beispiel auf einmal wütend und bockig wurde, obwohl es sonst immer eher introvertiert war. Das hat uns dazu motiviert, eine telefonische Beratung einzurichten. In jeder Gruppe konnten die Eltern sich an die Bezugserzieher*innen ihres Kindes wenden, weil sie zu diesen natürlich am meisten Vertrauen haben.

 

Mein Telefon im Büro war auch immer auf Bereitschaft. Da konnten die Eltern mich und meine Stellvertreterin zu jeder Zeit erreichen.

 

Unser Träger hat ein Elternportal eingerichtet, wo aktuelle News oder Anregungen für Aktivitäten zu finden sind.

Welche Spiele und Aktivitäten kommen bei Ihren Kita-Kindern aktuell besonders gut an?

Freispiel! Man sagt ja sonst: Als richtig gute Fachkraft schaffst Du es, dass alle Kinder im Freispiel beschäftigt sind. Durch Impulssetzung, oder, oder, oder. Und es ist eigentlich nicht so leicht wie es klingt, dieses freie Spielen anzuschieben, um sich dann in die Beobachtung zu begeben.

 

Aber: Seit die Kinder so lange zu Hause waren, schaffen sie es von allein. Sie genießen dieses Freispiel so sehr. Die sonst so beliebten Aktivitäten sind eher zweitrangig. Jetzt gehen sie am liebsten in den Rollenspielraum, spielen unter sich, ohne große Moderation, Anleitung oder Impulssetzung der Erzieher*innen. Die genießen einfach das Miteinandersein, brauchen uns zurzeit eher weniger.

Haben Sie dazu ein Beispiel aus Ihrem Kita-Alltag?

Ja! Gestern hatte ich so ein schönes Erlebnis in der Gruppe, bei dem ich mein pädagogisches Knowhow gefragt war. Wir haben ein Bilderbuch gelesen, in dem es um eine Stadt unter Hochwasser geht und alle Bücher müssen gerettet werden. Es stellte sich heraus: Die Geschichte an sich war gar nicht so wichtig, sondern eher das Hochwasser. Und die Kinder sprachen von einem Strudel und haben auf einmal wild fantasiert. Ich habe mir gedacht, wenn alle gerade das Thema Wasser, Strudel, Wegziehen so interessant finden, setze ich einen Impuls und wir experimentieren einfach als nächstes. Deshalb habe ich nach der Bilderbuchbetrachtung gefragt: „Was meint ihr, sollen wir mal versuchen, einen Strudel darzustellen?“ Und da waren die Großen gleich dabei und wir haben überlegt, wo man das machen kann. Ein Kind meinte: „In der Dusche geht das immer so komisch“. Dann sind wir ins Badezimmer gegangen und haben den Strudel dort einfach nachgemacht. Herrlich! Es hat mir persönlich auch so viel Spaß gemacht, mal wieder in die pädagogische Arbeit einzutauchen.

 

Also, lange Rede, kurzer Sinn: situationsorientiert handeln. Wenn Freispiel, dann situationsorientiert. Richtige Spiele sind bei uns im Haus gerade gar nicht so wichtig.

Vielen Dank für die Einblicke und die Inspiration, Frau Junker! 

 

Fotoquelle: iStock.com/lithiumcloud

Wir freuen uns auch über eine ausführliche Rückmeldung per E-Mail an: kita@fit-4-future.de

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