Der Umgang mit Gefühlen will gelernt sein

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Gefühle und Emotionen können oft überwältigend und verwirrend sein. Darüber zu reden ist auch mit den Kleinen wichtig. Im Beitrag und im dazugehörigen Video erfahren Sie, wie Sie das Wahrnehmen und Benennen von Gefühlen mit Kindern trainieren, den offenen Umgang mit Emotionen fördern und Lösungen mit den Kindern erarbeiten - und warum dies wichtig für die seelische Gesundheit ist.

Emotionen sind wichtig für unser seelisches Gleichgewicht

Wir alle, Kinder und Erwachsene, erleben permanent unterschiedliche Emotionen. Emotionen sind die Basis unseres Lebens. Wir streben nach positiven Emotionen wie Glück, Freude oder Hoffnung.

Positive Emotionen reduzieren Stress und Anspannung. Mit ihnen sind wir aufnahmefähig, lernbereit und kreativer.  

Auch negative Emotionen gehören dazu

Kinder erleben in ihrem Alltag, dass ihre Bedürfnisse nicht immer sofort befriedigt werden können: Zum Beispiel, wenn Sie als erwachsene Ansprechperson gerade mit einem anderen Kind beschäftigt sind, ein anderes Kind mit dem Lieblingsspielzeug spielt oder das Kind bei den Geschwistern oder anderen Kindern nicht mitspielen darf. Dies führt zu negativen Emotionen wie Traurigkeit und Frustration, aber auch zu Wut und Aggression.

Diese negativen Emotionen sind genauso wichtig wie positive Emotionen. Sie zeigen, dass dem Kind etwas nicht guttut. Dass etwas gerade nicht so läuft, wie das Kind es will.

Der Umgang mit Frustration, Wut und Niederlagen wird in der frühen Kindheit gelernt. Diese Fähigkeit ist für das Wohlbefinden und die seelische Gesundheit äußerst wichtig: Wer negative Emotionen aushalten kann, kann sich mit den Ursachen dieser Emotionen beschäftigen und Probleme lösen. Dies ermöglicht den Kindern, bei Aufgaben durchzuhalten und auch anspruchsvollere Ziele zu erreichen – in der Kita oder Schule, aber auch später im Erwachsenenleben. Wer diese Emotionen nicht aushalten kann, weicht Schwierigkeiten aus oder versucht sie zu bekämpfen. Hier haben viele Erwachsene Schwierigkeiten, weil in ihrer Kindheit nicht über Emotionen gesprochen wurde und es keine Vorbilder gab.

Vermitteln Sie Kindern also, dass auch Wut, Enttäuschung und Frustration vollkommen normal und in Ordnung sind. Auch diese Emotionen sollen nicht unterdrückt werden. Kinder sollen vielmehr lernen, mit ihnen so umzugehen, dass es für die Kinder selbst, aber auch für die anderen Kinder und Erwachsenen, in Ordnung ist. 

Emotionen sind erlernt

Emotionen entstehen nicht „einfach so“, quasi aus der Situation heraus und ohne eigenes Zutun. Unsere Gedanken, Wünsche und unsere Persönlichkeit beeinflussen die Emotionen, die wir haben.

Neugeborene unterscheiden zum Beispiel nur nach gut und schlecht. Gut ist, wenn ein Bedürfnis wie Hunger, Schmerz oder Langeweile befriedigt wird. Schlecht ist, wenn ein Bedürfnis nicht befriedigt wird. Die Spannung bei einem negativen Gefühl kann ein Neugeborenes nur durch Schreien oder Wimmern lösen, weitere Möglichkeiten hat es noch nicht. Doch bereits Säuglinge lernen Emotionen genauer zu unterscheiden und unterschiedlich zu reagieren.

Die ersten sechs Lebensjahre sind für die emotionale Entwicklung besonders wichtig. Die emotionale Kompetenz steigt aber bis ins Jugendalter – und ist auch später noch trainierbar.

Bewusst mit eigenen Emotionen umgehen

Mit Emotionen umzugehen meint, nicht von ihnen überwältigt zu werden. Es geht darum, auch bei starken Emotionen noch handlungsfähig zu bleiben und sich bewusst für oder gegen ein Verhalten entscheiden zu können.  

Die Grundlage dafür ist, zwischen zwei Dingen unterscheiden zu können:

  1. dem Anlass für die Emotion
  2. das Gefühl, dass dadurch ausgelöst wird

Ein Beispiel: Ein Kind hat ein Lieblingsspielzeug. Es sieht, wie ein anderes Kind damit spielt. Deshalb wird es wütend und schubst das andere Kind. Wenn das Kind den Anlass und das Gefühl unterscheiden kann, hat es die Möglichkeit, auch anders auf die Situation zu reagieren – zum Beispiel, sich ein anderes Spielzeug nehmen oder versuchen, gemeinsam mit dem Lieblingsspielzeug zu spielen.   

Ein passender Umgang mit Emotionen ist für das eigene Wohlbefinden ebenso wichtig, wie für den Kontakt mit anderen.  

Emotionen als Grundlage für das soziale Miteinander

Kinder müssen nicht nur ihre eigenen Emotionen kennen lernen, sondern auch die von anderen erkennen, verstehen und sogar voraussehen lernen.  

Emotionen vorauszusehen bedeutet, zu verstehen, dass das andere Kind wahrscheinlich traurig oder wütend wird, wenn man ihm sein Spielzeug wegnimmt. Oder zu verstehen, dass das andere Kind Freude empfindet, wenn man nett zu ihm ist. Dies können Sie sehr gut mit Rollenspielen üben. 

Emotionen sind auch die Basis für prosoziales Verhalten, Empathie, Helfen und Perspektivübernahme. Ein Kind kann ein anderes Kind zum Beispiel nur dann trösten, wenn es selbst erkennt, dass das andere Kind traurig ist.  

Die Fähigkeit, Emotionen zuzuordnen, verbessert sich bis ins Jugendalter. Zeigt der Gesichtsausdruck zum Beispiel Freude, erkennen das auch jüngere Kinder sehr gut. Angst und Trauer auseinander zu halten, gelingt erst älteren Kindern im Kindergarten.  

Je besser Kinder die Emotionen bei Anderen erkennen, desto weniger soziale und psychische Probleme haben sie – aktuell, aber auch im späteren Leben. 

Emotionen spüren, unterscheiden, benennen, regulieren

Emotionen werden von Kindern, und auch von manchen Erwachsenen, als ein einziges diffuses Knäuel wahrgenommen. Wichtig ist es deshalb, dass Kinder lernen, dass sich unterschiedliche Emotionen unterschiedlich anfühlen. Traurig sein ist etwas anderes als wütend oder enttäuscht sein.  

Hier hilft es, wenn die Kinder Emotionen benennen können. Denn was einen Namen hat, kann das Kind für sich selbst besser einsortieren, aber auch anderen mitteilen.  

Unterstützen Sie die Kinder, indem Sie Spiele, Lieder und Materialien rund um Emotionen anbieten.  

5 Praxistipps zum Umgang mit Emotionen

1. Gemeinsam Regeln aufstellen

Sprechen Sie gemeinsam darüber, wie man mit Emotionen umgehen kann. Sammeln Sie gemeinsam Ideen und stellen dazu Regeln auf. Eine Regel kann sein: Wenn ich wütend bin, dann sage ich das – ich ziehe niemand an den Haaren und schlage niemanden.   

2. Möglichkeiten schaffen, um Wut herauslassen

Unterstützen Sie die Kinder, indem Sie alternative Möglichkeiten aufzeigen, mit Wut umzugehen. Richten Sie zum Beispiel zusammen eine „Wutecke“ ein, in der eine Matte oder eine dicke Decke liegt, auf der herumgetrampelt werden kann, bis die Wut nachlässt. Oder basteln Sie gemeinsam an anderen Hilfsmitteln, um Wut herauszulassen, auszudrücken oder einzuordnen

3. Emotionen zulassen – bei Mädchen und Jungen

Wie gut Kinder unterschiedliche Emotionen auf Bildern erkennen, wurde in vielen Studien untersucht. In einigen Studien wurden (kleine) Unterschiede zwischen Mädchen und Jungen gefunden, in anderen nicht.  

Helfen Sie den Kindern ihre eigenen Emotionen unabhängig von ihrem Geschlecht zu erkennen und zu akzeptieren. Entgegen aller Stereotype: ein Mädchen darf wütend sein, ein Junge darf weinen.  

4. Seien Sie ein Vorbild

Kinder schauen sich bei Ihnen ab, wie Sie mit Emotionen umgehen. Unterstützen Sie die Kinder dabei, indem Sie Ihre eigenen Emotionen direkt aussprechen. Beispielsweise „Ich freue mich über das Bild, das du mir geschenkt hast“ oder „Ich bin traurig, weil meine Tasse zerbrochen ist“.   

5. Lernen durch üben

Gefühlskarten sind eine einfache Möglichkeit, um über Emotionen zu sprechen. Basteln Sie für jüngere Kinder fünf Karten, die Gesichter von sehr fröhlich, etwas fröhlich, neutral, etwas traurig bis zu sehr traurig darstellen. Fröhlich meint hier alle positiven Emotionen, traurig alle negativen. In der Morgenrunde in der Kita oder beim Abendritual zu Hause wählt jedes Kind die aktuell passende Gefühlskarte und erzählt, wie es ihm gerade geht. Nehmen Sie bei älteren Kindern weitere Karten dazu, zum Beispiel wütend, ängstlich oder staunend. 

Setzen Sie eine Idee rund um Emotionen noch diese Woche um! 

Video mit Infos und Praxistipps

Weitere Information zu dem Thema finden Sie in unserem Video. Folgende Themen werden darin besprochen:

  • Sind Emotionen und Gefühle dasselbe?
  • Warum ist es wichtig, den Umgang mit Emotionen zu üben?
  • Wie kann der Umgang mit Emotionen spielerisch geübt werden und welche Übungen gibt es?

Das vollständige Video "Der Umgang mit Gefühlen will gelernt sein" sowie ein Arbeitsblatt zur Emotionsregulation zum Herunterladen finden Teilnehmende im fit4future-Mitgliederbereich unter "Psychische Gesundheit".

Schauen Sie rein!

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