Alles normal? Wenn Kleinkinder verhaltensauffällig sind

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Tägliche Wutanfälle beim Abholen aus der Kita? Plötzliches Klammern und Weinen? Wer ein Kleinkind zu Hause hat, kennt diese Situationen sicher. Und auch in der Kita erleben Erzieher*innen und pädagogische Fachkräfte so manchen herausfordernden Moment mit den Kindern. Die Frage, die sich Ihnen – ob zu Hause oder in der Kita – stellt: Ist das nur eine Laune, oder müssen Sie sich um das Kind ernsthaft Sorgen machen

„Ist nur eine Phase!“ oder „Jedes Kind entwickelt sich anders!“ sind sicher wahre Sätze, mit denen sich auffällige Verhaltensweisen gut erklären lassen. Was aber, wenn die „Phase“ einfach nicht vorübergeht? Könnte eine ernsthafte psychische Erkrankung dahinterstecken oder hat das Kind schlimme Erfahrungen gemacht?

Aus der Reihe zu tanzen, gehört dazu

Zunächst einmal: Die meisten Kinder tanzen irgendwann einmal aus der Reihe und reagieren plötzlich anders. Herausforderndes Verhalten im Kitaalter ist keine Ausnahme, sondern gehört zur Normalität. Trennungsängste beispielsweise, denn wenn die Eingewöhnung in die Kita ansteht, ist das für jedes Kind eine Herausforderung. Der Kontakt mit fremden Menschen und das Einfinden in neue Situationen sind große Stressfaktoren.

„Jeder Übergang ist für ein Kind eine Krise, auf die es sich einstellen muss. Das ist ganz normal“, weiß Dr. Carola Bindt, Fachärztin und Leiterin der Kinder- und Jugendpsychiatrie des Universitätsklinikums Eppendorf (UKE) in Hamburg. „Wenn aber Trennungsängste längere Zeit anhalten, also mehr als sechs Wochen, in denen diese nicht ansatzweise überwunden sind, sollten Eltern und Erzieher*innen aktiv werden."

Hinter manchen Auffälligkeiten stecken jedoch ernsthafte psychische Erkrankungen

Zunächst gilt es zu unterscheiden: Handelt es sich um auffälliges Verhalten, das temporär auftritt und mit dem sich Erzieher*innen und Eltern angemessen auseinandersetzen können, oder handelt sich um eine zu behandelnde Verhaltensauffälligkeit? In diesem Fall ist es für die Bezugspersonen schwer, diesen angemessen beizukommen. Die Grenzen sind in jedem Fall schwer auszumachen und die genaue Diagnose kann nur ein*e Psychotherapeut*in, Psycholog*in oder Psychiater*in stellen.

Die Gründe für Verhaltensauffälligkeiten im Kindesalter sind sehr vielfältig. Faktoren wie Erbanlagen, Entwicklungsverzögerungen, (unerkannte) Behinderungen, langwierige Krankheiten, Fehlernährung, Hyperaktivität, Reizbarkeit, Überempfindlichkeit oder geringe Frustrationstoleranz können eine Rolle spielen. Wenn Kinder keine optimalen Entwicklungsbedingungen in ihrer Familie haben und sich vernachlässigt fühlen, reagieren sie ebenfalls oft mit psychischen Störungen. In seltenen Fällen kann auch Gewalt oder Missbrauch dahinterstecken.

„Die positive Nachricht ist: Die meisten Verhaltensauffälligkeiten können gut abgeklärt und behandelt werden“, sagt Dr. Bindt. „Oft geben wir sogar Entwarnung, weil es sich beispielsweise nur um Umstellungsschwierigkeiten handelt und das Kind sonst nicht beeinträchtigt ist.

Verhaltensauffälligkeiten richtig einschätzen: Alles noch normal oder besteht Handlungsbedarf?

Die folgenden Fragen können Ihnen dabei helfen, richtig einzuschätzen, wann bei auffälligen Verhaltensweisen Handlungsbedarf besteht:

Seit wann ist das Kind verändert?

Wenn die Auffälligkeiten nach Tagen oder wenigen (!) Wochen wieder von alleine aufhören, ist das kein Grund, sich übermäßig Sorgen zu machen. Zieht sich das Verhalten aber kontinuierlich über den Zeitraum von mehreren Monaten oder tritt dieses in regelmäßigen Abständen immer wieder auf, wird es Zeit, dass Sie nächste Schritte einleiten.

Ausnahme: Belasten die Störungen Sie als Eltern und auch Ihr Kind schon früher signifikant – weil es von anderen gemieden wird oder der Alltag für alle Familienmitglieder zur Herausforderung wird – sollten Sie sich nicht scheuen, Unterstützung bei den Erzieher*innen oder bei Kinderärzt*innen zu holen.

Für Erzieher*innen gilt Ähnliches: Wenn ein Kind signifikant verändertes Verhalten ohne ersichtlichen Grund aufweist, sei es innerhalb weniger Wochen, besprechen Sie sich für eine objektive Meinung mit Kolleg*innen, eventuell der Kita-Leitung, machen Sie sich Notizen (ggf. einen Beobachtungsbogen) – und suchen Sie das Gespräch zu den Eltern, um den Ursachen auf den Grund gehen und gemeinsam handeln zu können.

Was sind eindeutige Hinweise auf eine behandlungsbedürftige, psychische Auffälligkeit?

„Wenn ein Kind eigentlich immer gut drauf war, es aber auf einmal ängstlich ist, klammert, vielleicht sogar Fähigkeiten, die es schon besessen hat, wieder verliert, wenn es also Rückschritte in der Sprache und Selbstständigkeitsentwicklung macht, dann ist das ein Anzeichen, dass etwas nicht in Ordnung ist“, sagt Dr. Bindt.

Ein besorgniserregender Indikator sei auch, wenn ein Kind plötzlich spielunlustig ist, keinen Spaß mehr hat und gelangweilt scheint: „Spielen ist das Hauptbetätigungsfeld eines Kindes“, so die Fachärztin.

Wenn das Verhalten „nur“ zu Hause oder „nur“ in der Kita auftritt, lohnt sich ein Blick auf die Rahmenbedingungen – soll heißen, Verhaltensweisen haben nicht selten externe Ursachen, die für das jeweilige Kind nicht optimal sind: zu kleine Kita-Räumlichkeiten, zu wenig Personal, die Bindungsperson ist gestresst oder zu große Gruppen können zum Beispiel dafür sorgen, dass Kinder sich zurückziehen oder aggressiv werden.

Behandlungswürdiges Verhalten tritt meistens situationsübergreifend in allen Alltagsgelegenheiten auf – in der Kita genauso wie zu Hause, bei den Großeltern genauso wie im Urlaub.

Auf welche Symptome sollten Sie achten?

  • Wenn das Kind sich langanhaltend (mindestens sechs Wochen) weigert, in die Kita zu gehen, sich auch nach der Verabschiedung nicht durch die Erzieher*innen beruhigen lässt und nach der Kita unglücklich wirkt.
  • Wenn das Kind sich zurückzieht, besonders schüchtern und ängstlich ist.
  • Wenn es sich nicht altersadäquat konzentrieren kann.
  • Wenn über mehrere Wochen Schlafprobleme auftreten.
  • Wenn es aggressiv ist und sogar für sich selbst und andere eine Gefahr darstellt.
  • Wenn es mehrmals in der Woche über Beschwerden wie Kopf- und Bauchschmerzen klagt oder wenn ihm häufig übel ist.
  • Wenn das Kind auf einmal wieder einnässt, obwohl es den Harndrang eigentlich regulieren konnte.
  • Wenn es plötzlich nicht mehr essen möchte und keinen Appetit hat.

Gibt es vielleicht gerade einen bestimmten Anlass für ein verändertes Verhalten?

Fallen psychische Probleme mit einem Ereignis zusammen, könnte es sich um eine Bewältigungsreaktion handeln. Die Geburt eines Geschwisterkindes, die Trennung der Eltern, der Tod eines Großelternteils: Da reagiert ein Kind oft mit neuem Verhalten. Dieses sollten Sie dem Kind eine Zeitlang auch zugestehen.

Manchmal kann die Ursache sogar eine zurückliegende Krankheit sein: „Nach einer Infektion der Ohren kann das Hörvermögen eines Kindes noch lange unerkannt verschlechtert sein“, weiß Dr. Bindt. „Dann können zum Beispiel Sprachentwicklungsstörungen oder Aggressionen auftreten, weil es sich nicht gut mitteilen kann.“

Was sollten Sie als Erzieher*in oder pädagogische Fachkraft tun?

Wenn Sie Veränderungen des Kindes im Kita-Alltag bemerken, die Ihnen Sorgen bereiten, sollten Sie ein Elterngespräch ansetzen, in dem Sie nach gemeinsamen Lösungen suchen. Dafür ist eine gute Vorbereitung empfehlenswert.

Seit wann, wann und wie oft haben Sie die Veränderungen bemerkt? Das hilft in dem Gespräch. „Die meisten Eltern wissen oder ahnen ja meist selbst, dass ihr Kind Schwierigkeiten hat“, sagt Dr. Bindt. „Dennoch ist es immer wichtig, so zu agieren, dass die Eltern sich nicht angeklagt fühlen. Es ist konstruktiver, zu sagen: Uns ist aufgefallen, ihr Kind hat da eventuell mehr Schwierigkeiten als Gleichaltrige, sich zurückzunehmen/anzupassen/zuzuhören. Dadurch gerät es in eine Außenseiterposition. Wir wollen verhindern, dass es schwerwiegender wird.“

Dringen Erzieher*innen in der Sorge um das Kind bei den Eltern nicht vor, können sie sich auch an kinderpsychologische Beratungsstellen wenden, z. B. den Kinderschutzbund. „Es ist immer gut, sich frühzeitig eine Fachstelle von außen zu suchen, damit man sich nicht selbst mit den Eltern verkämpft“, rät die Hamburger Kinderfachärztin Bindt. „Schließlich hat man noch täglich das Kind zu versorgen und das Vertrauen soll bestehen bleiben.“

Eltern und Betreuungspersonen: Nicht zögern, sich Hilfe zu suchen!

Eltern, die lange damit warten, sich Hilfe zu suchen, tun weder sich noch dem Kind einen Gefallen. Je früher psychische Probleme festgestellt werden, desto eher kann dem Kind geholfen werden. Gerade in den ersten Lebensjahren lässt sich noch vieles bei der kindlichen Entwicklung beeinflussen. „Wir würden uns oft wünschen, dass Familien früher kämen“, sagt Dr. Bindt. „Doch für viele ist die Schwelle hoch, zum Psychiater zu gehen. Dabei macht man bei uns nicht gleich eine Therapie mit dem Kind. Wir können aber eine klare Diagnose stellen und die Eltern beraten.“

 

Fotoquelle: pexels/Stephen Andrews

Wir freuen uns auch über eine ausführliche Rückmeldung per E-Mail an: kita@fit-4-future.de

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